als kind vom land, aufgewachsen in einem einfamilienhaus, muss man sich am anfang mal an das leben in einer wiener wohnung gewöhnen. auf einmal ist man oben, unten, links, rechts umgeben von fremden leuten, die von freundlich-zivilisiert bis "hier wohnt blut-bruno" die gesamte pallette abdecken können. man kann nicht mehr rumtrampeln oder nächtlichen gelüsten nach dolby surround herr-der-ringe-marathons nachkommen. auf einmal stehen hausordnungen und ruhezeiten auf dem plan.
da in dem haus, wo ich seit einiger zeit wohne, die wände leider so dünn sind, dass mich die nächtlichen struller-geräusche meines nachbarns aufwecken, ist das zusammenleben hier noch etwas schieriger. ich bin mittlerweile darauf konditioniert, ab schlag 22 uhr meinen gang auf tiptoeing umzustellen, meine stimme zu senken und den wasserhahn in der küche nicht mehr aufzudrehen, da die leitungen so laut sind. dieses zugegebenermaßen übermäßig devote verhalten fällt mir einfach immernoch leichter, als ein kleinkrieg um kleinkram mit kleinkarierten leuten.
zumindest bisher war es so. aber jetzt ist schluss. das herumschleichen und flüstern kann ich ertragen, dass ich dafür jeden tag morgens um halb sieben davon geweckt werde, dass die nachbarn über mir - ich nenne sie ab hier der einfachheit halber nur die O.s - mit irgendetwas auf irgendetwas anderes einhämmern, nervt ziemlich, nehm ich aber auch noch in kauf. dass frau O. 2-3x die woche sämtliche textilien die sich in ihrem besitz befinden aus ihrem fenster ausklopft und mir damit den staub in die wohnung klopft, wenn ich mein fenster gekippt lasse, ist vor allem im sommer lästig, ist aber auch seit jahren teil meines mieter-alltags.
was nun allerdings mein fass - von dem man bisher hätte glauben können, es habe keinen boden - zum überlaufen gebracht hat, ist das fenster am gang.
die O.s laufen in regelmäßigen zeitabständen durchs haus und reißen sämtliche gangfenster auf. warum sie das tun? ein rätsel. im sommer ist mir das auch jacke wie hose, aber im winter nicht. jedes offene fenster sabotiert das prinzip hauszentralheizung, die wir alle gemeinsam zahlen. und wenn ich dann auch ein post-it mit der unartikulierten botschaft: "Fenster offen lassen!!" an meiner tür finde, sehe ich mich gezwungen zwischen der zeile zu lesen und dies als dezidierte aufforderung zum krieg zu interpretieren.
ich habe "the art of war" noch nicht gelesen, aber ich weiß, dass ich mich nicht planlos in die schlacht werfen sollte. hier also der plan einer feldherrin, die bisher pazifistin war und von krieg so viel versteht wie ein nashorn von außenpolitik:
1. ich führe die von O. begonnene korrespondenz weiter, mit einem brief, den ich am Gangfenster anbringe.
wenn das nichts bringt, und davon gehe ich aus, versuche ich
2. andere parteien des hauses zu mobilisieren, die ebenfalls unter O.s Tyrannei geknechtet werden.
sollte der feind immernoch nicht den rückzug antreten, wende ich mich an eine großmacht -
3. die hausverwaltung, in der hoffnung, dass es die zumindest irgendwie juckt, wenn jemand ständig die fenster eines hauses aufreißt, dessen isolierung erst letztes jahr kostspielig erneuert wurde.
der letzte schritt ist einer, den ich hoffentlich nicht gehen muss. das wäre dann
4. der anwalt.
hier also mal schritt 1, der brief (abgetippt):
Herr O., Wien, am 21.01.2010
ebenso wie im 1. Stock bestimmen auch die Bewohner des 2. Stockes selbst, ob das Fenster geöffnet oder geschlossen wird.
Falls Sie dies weiterhin stur ignorieren, werden wir der Hausverwaltung mitteilen, dass Sie Heizkosten verschwenden, die a l l e zusammen tragen (ja, auch wir nichtswürdigen Mieter!).
In weiterer Instanz können wir auch unseren Anwalt einschalten, da Sie uns erhöhte Heizkosten verursachen.
Dieser Brief wäre freundlicher verfasst, wenn Ihre Briefachen an unserer Tür es auch wären.
In diesem Sinne - lassen Sie das Fenster bitte geschlossen.
P.S.: Sie selbst sind die lautesten Bewohner dieses Hauses. Dies Meinung sind nicht nur wir. Nur damit Sie's wissen.